• 11. Juli 2017
  • Nadja Amireh
Das Agenturcamp. Von unbezahlten Pitches, Zukunftsaussichten und guter Haltung

Das Agenturcamp – von unbezahlten Pitches, Zukunftsaussichten und guter Haltung

Wie ist das Selbstverständnis der Agenturen, welche Geschäftsfelder werden sich zukünftig verändern, wie findet und hält man gute Mitarbeiter und warum unbezahlte Pitches Blödsinn sind – darum ging es im Agenturcamp, das am 6. und 7.7. in Düsseldorf stattfand.

Quo Vadis, Agentur?

Barcamps besuche ich ja öfter mal. Die Dynamik und die Kreativität solcher Veranstaltungen empfinde ich immer als sehr inspirierend, auch wenn ich oftmals nichts Neues höre, gehe ich nach Barcamps immer mit vielen Ideen zurück in die Agentur. Das Agenturcamp war deswegen besonders interessant, da es alle Besucher direkt betraf:  Wie entwickelt sich die Szene, bleiben Agenturen in ihrer jetzigen Form bestehen oder wird es uns alle bald nicht mehr geben? Gruselige Vorstellung, oder? Interessante Sessions gab es auf dem Agenturcamp Über den Tellerrand schauen konnte man auch beim Mittagessen de Luxe! Ganz so schlimm wird es sicher nicht, aber es ist für Agenturen wichtig zu schauen, wo und wie sich neue Geschäftsfelder entwickeln, wie man sich abgrenzt und immer über den Tellerrand zu schauen. So positionieren sich andere Branchen wie z. B. Unternehmensberatungen zunehmend als Partner für Kommunikationsthemen. Der Tenor der Diskussion war dann auch, dass Agenturen sich hier nicht länger die Butter vom Brot nehmen lassen sollen und ihre Angebote individueller an die Kunden anpassen sollten. Na klar, ein übergreifendes Erfolgsmodell gibt es dafür nicht.

Pitches: Was nichts kostet, ist nichts wert, oder?

Die in meinen Augen besten Sessions drehten sich um das Thema Kultur beziehungsweise eher Unkultur unbezahlter Pitches. Alle Anwesenden kannten die Situation, dass Unternehmen oft sehr wahllos und schlecht vorbereitet zu unbezahlten Pitches einladen. Zig Agenturen werden angeschrieben, das Briefing ist oft schlecht und unvollständig, die Timings sind zu kurz – aber die Agentur soll eine Top-Leistung abliefern und bestenfalls die Nutzungsrechte auch noch übertragen. Ein Unding, das ist allen klar, und diese Ausgangssituation kann nur in Ausnahmefällen die Basis erfolgreicher und nachhaltiger Zusammenarbeit auf Augenhöhe sein. In dieser Session hörte ich die tollsten Geschichten über erfolglose Pitches. Leider machen dies immer noch zu viele Agenturen mit.

Mehr Haltung, bitte!

Mit Agenturen wie Butter oder Kunst und Kollegen, die prinzipiell nicht an unbezahlten Pitches teilnehmen und sogar eine Pitch Etiquette auf ihrer Website haben, diskutierten wir, wie man den Kennenlernprozess für beide Seiten besser und effizienter gestalten kann, zum Beispiel mit Kennenlern-Workshops oder Probeprojekten. Der Tenor dieser Sessions war jedoch immer: Agenturen, zeigt mehr Haltung und erklärt den potentiellen Kunden, warum ein Pitch nicht kostenlos sein kann und darf, welche Informationen ein gutes Briefing enthalten muss und welcher Aufwand nötig ist, um eine gute Arbeit zu leisten, und dass viel nicht immer viel hilft. Viele wissen es einfach nicht besser und machen es nicht mit böser Absicht schlecht. Und wenn die Unternehmen dann immer noch nicht verstehen, sollte man die Traute haben, einen Pitch sausen zu lassen. Der „richtige“ Kunde war es dann wahrscheinlich sowieso nicht. Partnerschaft auf Augenhöhe entsteht nicht durch unbezahlte Pitches. Die sind einfach nur für die Tonne.

Arbeiten wann und wo man möchte?

Viel und kontrovers diskutierten wir darüber, wie viel Gestaltungsspielraum Mitarbeiter in Agenturen brauchen und wollen, wenn es um ihre Arbeitszeiten und Anwesenheit geht. In einer  der Agenturen gibt es gar keine Regeln dazu, außer, dass die Mitarbeiter sich untereinander organisieren und eine durchgehende Projektbetreuung immer gewährleistet sein muss. Die Mitarbeiter arbeiten wo und wie lange sie wollen, das Ergebnis zählt. Klingt wie ein Träumchen? Das ist es aber nicht unbedingt, denn das Fazit dieser Agentur ist heute nach 6 Monaten dazu eher negativ. Viele der Kollegen können mit einem Zuviel an persönlicher Freiheit ebenso schlecht umgehen wie mit zu wenig. Es steht also nach wie vor die individuelle Persönlichkeit im Vordergrund. Mein Fazit: Ihr lest es schon, DEN Königsweg für eine erfolgreiche Agentur und die Zukunft der selbigen gibt es nicht. Ich nehme aber eine wichtige Sache mit: Wir werden zukünftig öfter Haltung zeigen. Anfragen, die schon in der ersten Mail eher lieblos daherkommen, bei denen man gleich merkt, dass dieses Standardmailing auch noch an zig andere Agenturen geschickt wurde und bei denen der Ansprechpartner sich nicht mal 5 Minuten Zeit für ein erstes Telefonat nehmen will, sagen wir demnächst einfach ab – und das mit Haltung. PS: Ein großes Dankeschön an Sipgate, in deren tollen Räumlichkeiten alles gleich noch viel mehr Spaß machte! Dieses Schild täuscht, beim Agenturcamp bei Sipgate war es sogar sehr nice.
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