• 29. Juni 2022
  • Wake up Redaktion
So langweilig kann Social Media sein – BeReal ist echt (öde)

So langweilig kann Social Media sein – BeReal ist echt (öde)

TikTok hat’s vorgemacht, Clubhouse ist gescheitert - obwohl etablierte Social Networks wie Facebook, Twitter oder Instagram immer wieder neue Features anbieten, schrecken Entwickler nicht davor zurück, ihre eigenen Plattformen in Form von einer Social-Media-App und Co. auf den Markt zu bringen, um bisher vermeintliche Lücken in Social Media zu füllen. Unsere Werkstudentinnen Emma und Michelle haben eine dieser Apps getestet und ihre Erfahrungen in diesem Blog-Beitrag für euch zusammengetragen. Die Social-Media-App “BeReal” des Franzosen Alexis Barreyat versucht mit mehr Authentizität gegen die oft kritisierte Fake-Welt auf Social Media anzukämpfen. Der Anspruch: Viele Menschen zeigen auf Social Media nur das, was sie auch wirklich zeigen wollen. In den meisten Fällen sind das die schönen Seiten des Lebens: eindrucksvolle Sonnenuntergänge am Strand, leckeres Essen in einem schicken Restaurant oder die makellos aufgeräumte Wohnung. Vor allem Bilder werden genauestens geplant und inszeniert. Das Problem daran: Viele Menschen sind unglücklich darüber, wie langweilig ihr Leben doch im Vergleich zu dem anderer ist.

Die Intention von BeReal

Wie Entwickler Barreyat sagt, soll BeReal zeigen, wie langweilig das Leben doch eigentlich ist. Das System dahinter ist sehr simpel. Einmal am Tag bekommen die Nutzer*innen der App eine Benachrichtigung. Diese kann zu einer beliebigen Uhrzeit auf dem Smartphone aufploppen. Die User*innen haben dann nur zwei Minuten Zeit, um eine Momentaufnahme mit ihrer Handykamera aufzunehmen. Dabei wird jedes Mal gleichzeitig auch ein Selfie mit der Frontkamera geschossen. Somit bekommt man auf dieser App stets zu sehen, was die Leute auf der Welt gerade so treiben und wie sie dabei aussehen. Ungefiltert, unvorbereitet und oftmals auch ungünstig. Denn wie oft liegt man sonntags einfach faul im Bett, sieht dabei aus, als wäre man gerade aufgestanden und hat eventuell noch nicht ganz den Wochenendputz geschafft? Die aufgenommene Kombi aus Aktivitätsfoto und Selfie wird dann in einem sehr simplen Discovery-Dashboard festgehalten. Es besteht auch die Möglichkeit, eine Beschreibung hinzuzufügen. Hashtags oder eine Suchfunktion gibt es nicht. Bis man seinen BeReal-Beitrag hochgeladen hat, kann man die Beiträge der anderen User*innen übrigens nicht sehen. Generell gilt bei der App ein “Give'n Take”. So kann man beispielsweise auch seinen aktuellen Standort angeben und im Gegenzug dazu auch den von anderen sehen, die diesen angegeben haben. Wenn man seine Location nicht teilt, dann sieht man auch die der anderen nicht. Sollte es mal vorkommen, dass man es nicht schafft, innerhalb des Zwei-Minuten-Zeitraumes zu posten, besteht immer auch noch die Chance, ein “Late BeReal” zu teilen. So kann man auch noch im Nachhinein die Postings der anderen angucken. Wie bei eigentlich allen anderen Apps, besteht auch hier die Möglichkeit, Freund*innen zu adden und gewisse Informationen nur mit diesen zu teilen, wie zum Beispiel seinen Standort.

Instagram-Abklatsch oder doch Innovation?

Als wir die aktuell trendige Social-Media-App der Gen Z getestet haben, sind uns einige Fragen eingefallen, die es folgend zu klären gilt: Wie funktioniert der Algorithmus von BeReal? Wie werden die Beiträge von User*innen sortiert und dementsprechend auf dem Discovery-Feed platziert? An dieser Stelle schaffen wir einen Bezug zum visuell-orientierten Medium Instagram, um euch BeReal näherzubringen sowie unsere Fragen zu beantworten. Eins ist nämlich klar: BeReal soll der Gegenspieler zu Instagram sein, denn die neue Plattform stellt das alltägliche Leben eurer Freund*innen ungefiltert dar.

Was BeReal und Instagram gemeinsam haben und worin sich die Medien unterscheiden

Interessanterweise gibt es bei BeReal eine ähnliche Funktion wie bei Instagram, nämlich die Enge-Freunde-Funktion. Mit dieser Funktion könnt ihr entscheiden, ob euer Bild nur in eurem Freundeskreis bleibt oder überall, also auch auf dem Discovery-Feed, zu sehen ist. In diesem Feed zirkulieren vielfältige Posts von User*innen aus der ganzen Welt. Je länger wir nach unten scrollen, desto mehr Bilder unbekannter Gesichtern tauchen auf – es gibt gefühlt kein Ende. Daraufhin haben wir versucht, die Mechanismen hinter dem Algorithmus zu entschlüsseln. Erstaunlicherweise gibt es keine bestimmten Indikatoren wie bei Instagram, wo zum Beispiel die „fremden“ Beiträge nach Präferenzen des Individuums vorgeschlagen werden. Wenn User*innen erst im Nachhinein ein “Late” posten können, bekommen diese User*innen im Discovery-Feed auch nur Beiträge angezeigt, die im selben verspäteten Zeitraum hochgeladen wurden. Hier scheint also durchaus ein gewisser Algorithmus einzutreten. Sobald eine Person aus euren Kontakten ein “Late“ gepostet hat, werdet ihr darüber benachrichtigt. Dies erinnert stark an die Push-Benachrichtigung von Instagram, wenn eine Person aus eurem Freundeskreis nach längerer Zeit endlich wieder eine Story veröffentlicht hat. Bleiben wir doch direkt bei den Instagram-Storys. Auf BeReal werden eure täglichen Beiträge wie die Instagram-Storys in eurer Erinnerungs-Galerie archiviert, so behaltet ihr eure vergangenen Posts auf BeReal im Blick. Eure Freund*innen können dies jedoch nicht sehen. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Frage nach dem Algorithmus hinter BeReal bleibt noch offen und einige technische Instagram-Motive sind in jedem Fall auf BeReal wiederzufinden – doch nicht der Glanz und die Filter.

Social Media, aber ohne Social?

Ein wichtiger Aspekt, der bei BeReal etwas zu kurz kommt, ist das “Social” von Social Media. Man kann durchaus darüber streiten, wie egozentrisch Plattformen wie Instagram und Co. eigentlich sind, nichtsdestotrotz leben diese Formate aber auch von der sozialen Interaktion. An dieser Stelle sei angemerkt, dass BeReal zum Zeitpunkt des Testes noch kaum von unseren persönlichen Kontakten genutzt wird. Dadurch, dass man im Discovery-Tab meistens nur eintönige Alltagsbilder gesehen hat, wusste man auch nie so recht, wer denn interessant genug sei, um ihm dort zu folgen. Während man bei Instagram durch den Algorithmus Vorschläge zu Personen und Profilen bekommt, die zu den eigenen Interessen passen, müsste man bei BeReal selbst durch die Discovery-Seite scrollen, um vielleicht jemanden zu finden, den man aufgrund eines Bildes als folgenswert einschätzt. Bei Instagram kann man durch den Feed mit älteren Postings und die Story-Highlights einen gewissen Teil der Person kennenlernen. Bei BeReal hingegen hat man stets nur eine Momentaufnahme, durch die man einschätzen soll, ob man der Person folgen möchte oder nicht. Die App mag mit Freund*innen Spaß machen – immerhin wird Snapchat nicht wirklich anders benutzt. Auch da verschicken User*innen häufig Snaps darüber, was sie gerade Banales machen. Dafür bietet Snapchat aber gewisse Belohnungen und Spiele an, die es bei BeReal nicht gibt. BeReal ist per se nicht wirklich besonders und lockt auch mit wenigen Besonderheiten. Klar, das Grundkonzept ist mal “etwas anderes”, aber es bleibt die Frage offen, warum man diese App benutzen sollte. Die einzige Funktion, die bis dato wirklich heraussticht, ist die Möglichkeit, mit nachgestellten Emojis zu reagieren. Statt, wie bei Instagram-Storys, mit den Smartphone-Emojis auf Bilder zu reagieren, können User*innen sich selbst als Emoji fotografieren und dies als Reaktion auf einen Beitrag posten. Kommentieren ist bei dieser App ebenfalls möglich. Jedoch scheint es bisher so, als wären Leute weniger daran interessiert, Beiträge von anderen Leuten außerhalb ihres Freundeskreises zu kommentieren.

Nicht jeder Moment ist ein Foto Wert

Ein weiterer Aspekt, den wir weniger ansprechend finden, ist die Tatsache, dass BeReal ausschließlich visuell und statisch stattfindet. Sei es bei Instagram, Facebook oder Twitter: auf den meisten etablierten Plattformen hat sich mittlerweile ein multimedialer Feed durchgesetzt. Auf Instagram gibt es neben Fotos und Videos auch sehr viele Profile, die durch Text-Slider und Bildbeschreibungen, Aufklärungs- und Informationsarbeit leisten. Bei Twitter wird nicht mehr nur geschrieben, sondern durch Fotos und Videos die jeweilige Aussage visuell unterstützt. Tools wie Umfrage-Möglichkeiten oder Markierungen fördern die Interaktion und wecken das Interesse am jeweiligen Posting. Bei BeReal geht es derweil wirklich einzig darum, jeden Tag ein einziges Bild aufzunehmen und zu posten. Die Social-Media-Plattform BeReal schafft zweifellos Spannungen und ruft bei Nutzer*innen Adrenalin hervor, denn User*innen können nicht ahnen, um welche Uhrzeit die Push-Benachrichtigung eintrifft und an Nutzer*innen appelliert, ein Foto aufzunehmen. Wir sind auf einzigartige Beiträge gestoßen, die zum Beispiel einen entspannten Toiletten-Moment oder das sorglose Snacken beim Schulunterricht dargestellt haben. Welche Erfahrungen haben wir gemacht? Gespannt haben wir ganztägig auf die blinkende Push-Notification gewartet, die uns häufig bei ungünstigen Momenten, beispielsweise beim Autofahren oder auf einem Date, überfallen hat. Unter diesen Umständen war beim Autofahren eine rechtzeitige Aufnahme nicht möglich, sogar gefährlich. Außerdem kostet all das natürlich wieder Zeit, die man wesentlich sinnvoller investieren könnte. In unseren Augen fühlte sich das Posten wie eine tägliche To-Do-Aufgabe an, die erledigt werden muss.

Technische Schwierigkeiten und die Frage nach dem Mehrwert

Bei BeReal liegt eine blitzschnelle Handlung im Vordergrund, doch muss die Geschwindigkeit mit der Technik im Zusammenspiel stehen. Uns ist manchmal passiert, dass wir aufgrund von technischen Schwierigkeiten unsere Beiträge nicht hochladen konnten. An einem Tag hatten wir keinen Empfang, zum Beispiel im Gym. An anderen Tagen versagte die App selbst, obwohl wir einen Post gemütlich vom Home-Office aus veröffentlichen wollten. Unternehmen und andere öffentliche Einrichtungen nutzen Social-Media-Apps mittlerweile als Werbe- und Informationsmöglichkeit. Und auch, wenn es manchmal nur ein wenig dauert, bis sich Unternehmen eine gewisse Plattform als PR-Möglichkeit zu Nutze machen, bezweifeln wir, dass das bei BeReal irgendwann der Fall sein sollte. Dafür ist das Prinzip der App nicht wirklich ausgelegt.

Unser Fazit: 

Alles in allem hat uns die App nicht wirklich abgeholt. Wir können uns gut vorstellen, dass es eine Zeit geben wird, in denen medienaffine User*innen diese App nutzen werden. Es ist doch die Rede von Befreiung und Emanzipation der Gen Z – BeReal als Anti-Instagram und Co. Vielleicht werden Influencer*innen auf BeReal aufmerksam machen und so einige Leute auf die Plattform locken. Doch einen langfristigen Erfolg sehen wir bei der App nicht. Dafür fehlt einfach die Notwendigkeit und der Reiz der Plattform. Zudem würden Influencer*innen von der App nicht sonderlich profitieren, da sie nicht einsehen können, wie ihr Beitrag performt – denn die KPIs fehlen. Vielleicht ist das Ziel dieser App, zu zeigen, wie wenig Social Media heutzutage darüber verrät, was wir Menschen wirklich so den ganzen Tag machen. Ob dies in irgendeiner Form einen Einfluss auf den Medienkonsum von Sozialen Netzwerken haben wird, bleibt jedoch fraglich. Habt ihr schon die App BeReal getestet? Wie sind eure Erfahrungen?
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