Vom Staunen zur Umsetzung
In der Opening Keynote blickte Fabian Westerheide, Gründer von Rise of AI, auf zehn Jahre KI-Debatte zurück. Früher stand die Frage im Raum, was überhaupt möglich ist. Heute geht es um Umsetzung: Wie implementieren Unternehmen KI? Wie behalten sie Souveränität? Und wie lässt sich vermeiden, dass aus Begeisterung teure Einzellösungen entstehen, die später niemand sauber in den Arbeitsalltag integriert?
Ein Satz zog sich für mich durch viele Sessions: Problem first, tool second. Also nicht mit der Technologie starten, sondern mit der Frage, welches konkrete Problem gelöst werden soll. Das klingt banal, ist aber entscheidend. Gerade in der Kommunikation sehen wir oft, wie schnell Tools zum Selbstzweck werden. Ein neues KI-Video, ein Chatbot, ein Agent, ein Dashboard. Alles spannend. Aber ohne klares Problem oder Anwendungszweck bleibt es Aktionismus.
KI braucht Fundament, nicht nur Use Cases
Diese Haltung zeigte sich auch in den Sessions zur Frage, was Unternehmen brauchen, damit KI im Alltag wirklich funktioniert. Denn ein KI-Tool ist nur so gut wie die Informationen, mit denen es arbeitet. Sind Daten unvollständig, schlecht sortiert oder nicht zugänglich, hilft auch das beste Tool wenig. Gleichzeitig braucht KI die passende technische Umgebung: Rechenleistung, Fachwissen und Strukturen, in denen Anwendungen entwickelt, getestet und verbessert werden können.
Claudia Pohlink, Chief Data Officer / Director Data & AI bei FIEGE, und Kenza Ait Si Abbou, Founder & Managing Director von scailers, bewerteten Skalierung nicht als reine Sammlung möglichst vieler Ideen, sondern betonten, die zentrale Botschaft: Skalierung bedeutet, dass KI Strategie, Workflows und Wertschöpfung verändert.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Eine Liste mit 50 Ideen sieht auf einer Folie gut aus. Sie ersetzt aber keine Datenqualität und keine interne Kommunikation. Gerade bei Agenten wird dieses Problem noch größer. Wenn Unternehmen nicht wissen, welche Agenten es gibt, welche Rechte sie haben, auf welche Systeme sie zugreifen und wer sie betreibt, entsteht kein Fortschritt, sondern ein neues Kontrollproblem.
Die Infrastruktur-Frage wurde auf der Rise of AI ebenfalls sehr greifbar. Beispiele wie die JUPITER AI Factory in Jülich und HammerHAI in Stuttgart zeigen, dass KI nicht nur auf Benutzeroberflächen stattfindet. Sie braucht Rechenleistung, Zugang, Expertise und Strukturen, damit Anwendungen entwickelt, getestet und skaliert werden können. Öffentlich beschrieben wird die JUPITER AI Factory als zentrale Säule europäischer KI-Infrastruktur, über die Start-ups, Mittelstand, Industrie, Forschung und öffentliche Hand Zugang zum Supercomputer JUPITER erhalten sollen.
Nachhaltigkeit war ein weiterer wichtiger Punkt. In der Session von Christian Winterfeldt, Senior Director bei Dell Technologies, wurde klar: Nachhaltige KI ist keine reine Green-Story. Es geht um Architektur, Messung, Auslastung und sinnvolle Modellwahl. Nicht jedes Problem braucht das größte Modell. Manchmal helfen bessere Daten, kleinere Modelle oder eine saubere Softwarearchitektur mehr als der nächste GPU-Ausbau.
Das betrifft nicht nur die Kommunikationsbranche, sondern jedes Unternehmen, das KI einsetzen möchte. Denn KI ist nie einfach „nur ein Tool“. Dahinter stehen Rechenleistung, Energie, Infrastruktur und strategische Entscheidungen. Wenn Unternehmen ihren KI-Einsatz nicht nachvollziehbar erklären, entsteht schnell Misstrauen und Verunsicherung. Dann klingt KI nach Kostensenkung, Kontrollverlust oder blindem Hype. Mitarbeitende fragen sich, was das für ihre Arbeit bedeutet, Kund:innen sorgen sich um Qualität und Datenschutz, und die Öffentlichkeit reagiert empfindlich auf reine Effizienzversprechen.
Für unsere Arbeit als Agentur bedeutet das: Wir müssen nicht nur in der Kommunikation über KI Klarheit schaffen, sondern auch in ihrer Anwendung. Das heißt, wir zeigen nicht nur, was möglich ist, sondern sorgen vor allem dafür, dass sowohl wir als auch unsere Kund:innen die richtigen Fragen stellen, bevor wir KI einsetzen.
Vertrauen entsteht nicht durch Behauptung, sondern durch Architektur
Ein weiterer roter Faden war Vertrauen. Nicht als weicher Wohlfühlbegriff, sondern als konkrete Voraussetzung für KI-Anwendungen.
In mehreren Sessions ging es um Agentic AI, also KI-Systeme, die nicht nur antworten, sondern Aufgaben planen, Informationen verarbeiten und Teilschritte ausführen. Besonders spannend wurde es dort, wo solche Systeme in sensiblen Umgebungen eingesetzt werden sollen: Verwaltung, öffentlicher Sektor, kritische Infrastrukturen oder besonders geschützte Datenumgebungen, in denen vertrauliche Informationen verarbeitet werden.
Ein guter Chatbot reicht dort nicht. Entscheidend sind Zugriffskontrolle, Verschlüsselung, Auditierbarkeit, Governance und menschliche Entscheidungshoheit. Im Vortrag wurden Konzepte wie Observation Agent, Assessment Agent und Interaction Agent vorgestellt. Gemeint sind KI-Agenten, die Informationen beobachten, analysieren und mögliche nächste Schritte vorbereiten. Sie können also helfen, eine Lage schneller einzuschätzen. Ob daraus aber wirklich eine Handlung folgt, ob eine Information weitergegeben wird oder ob ein Vorschlag übernommen wird, entscheidet weiterhin ein Mensch.
Genau hier wird KI-Kommunikation anspruchsvoll. Es reicht nicht zu sagen: „Unsere KI ist sicher.“ Man muss erklären können, warum sie sicher ist. Wer darf darauf zugreifen? Wo liegen Daten? Was wird protokolliert? Wann greift ein Mensch ein? Was passiert bei Fehlern?
Im Verwaltungskontext wird diese Entwicklung bereits praktisch erprobt. Der Agentic AI Hub des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung bringt Verwaltung und KI-Start-ups in Pilotprojekten zusammen. Dort wird getestet, wie Ki-Agenten Verwaltungsprozesse unterstützen kann, etwa bei Anträgen, Dokumentenprüfung, Datenqualität und interner Organisation. Entscheidend ist hier weniger die genaue Zahl der Projekte als das Signal: KI in der Verwaltung ist nicht mehr nur Zukunftsmusik. Es geht um konkrete Entlastung im Arbeitsalltag.
Für Unternehmen gilt Ähnliches. Vertrauen entsteht nicht durch eine schöne Kampagne. Vertrauen entsteht durch belastbare Prozesse und eine Kommunikation, die verständlich macht, was wirklich passiert.
Was heißt das konkret für unsere Arbeit?
Ein Beispiel aus unserem Agenturalltag: Wenn ein Kunde mit dem Wunsch nach einem KI-generierten Video, einem Chatbot oder einer neuen Automatisierungsidee auf uns zukommt, bestätigt sich genau dieser Ansatz in unserer täglichen Arbeit. Wir starten nicht mit der Toolfrage, sondern klären zuerst, welches Problem gelöst werden soll, welche Zielgruppe erreicht werden muss und ob KI dafür wirklich der passende Weg ist.
Genau hier wird aus KI-Spielerei strategische Kommunikationsarbeit. Ein KI-Video kann ein starkes Kreativformat sein, wenn es eine Idee sichtbar macht, die klassisch kaum umsetzbar wäre. Ein Chatbot kann sinnvoll sein, wenn er echte Servicefragen beantwortet und klar geregelt ist, wann ein Mensch übernimmt. Und ein internes KI-Tool kann Prozesse beschleunigen, etwa bei Recherche, Themenplanung, Textentwürfen oder der Auswertung von Informationen. Damit das funktioniert, braucht es aber klare Leitplanken: Welche Daten dürfen genutzt werden? Welche Inhalte sind sensibel? Wer prüft die Ergebnisse? Und wer trägt Verantwortung, bevor etwas intern weiterverarbeitet oder extern veröffentlicht wird?
Für uns bedeutet „weniger Wow, mehr Wie“ deshalb ganz praktisch: Wir helfen Kund:innen nicht nur dabei, KI kreativ einzusetzen. Wir helfen ihnen auch dabei, den Einsatz sauber einzuordnen und Inhalte zu entwickeln, die nicht nur technisch spannend sind, sondern zur Marke und zur Strategie passen.
Mein Fazit: KI-Kommunikation muss erwachsener werden
Nach der Rise of AI 2026 bleibt für mich vor allem ein Gedanke hängen: Die Zeit der reinen Wow-Momente ist vorbei. Natürlich gibt es weiterhin beeindruckende Demos. Natürlich entwickeln sich Modelle, Agenten und Anwendungen schnell weiter. Aber die eigentliche Arbeit beginnt dort, wo es weniger glamourös wird: bei Daten, Prozessen, Infrastruktur, Governance, Energie, Verantwortung und Akzeptanz.
Für Unternehmen bedeutet das: Eine KI-Strategie ist mehr als ein Toolset. Eine Use-Case-Liste ist noch keine Transformation. Und ein mutiger LinkedIn-Post ersetzt keine saubere Implementierung.
Für uns als Kommunikationsagentur bestätigt das eine Haltung, die wir schon heute in unserer Arbeit verfolgen: KI darf kein Showeffekt sein. Entscheidend ist, ob ihr Einsatz sinnvoll, sicher und nachvollziehbar ist. Gerade weil KI immer mehr Bereiche betrifft, machen wir Nutzen, Grenzen und Verantwortung verständlich, statt nur zu zeigen, was technisch möglich wäre.
Oder anders gesagt: Die KI-Debatte braucht weniger Wow und mehr Wie. Genau da können und sollten Kommunikationsprofis ansetzen.